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Alchemie der Wirklichkeit


Das Stromlinienförmige des menschlichen Körpers ähnelt täuschend einer leuchtenden Landschaft mit Wanderdünen oder einem flimmernden Schneewehe. Die mit verstohlenem Blick gesehenen Gegenstände entledigen  sich der utilitären alltäglichen Hülle wie einer unnötigen Last, und erscheinen in ihrer entblößten, vom Geheimnis gesättigten Form Helle, Durchsichtige Landschaften verdichten sich im dynamischen Vibrieren; Licht und Schatten, trügerische Widerspiegelung im Wasser und statische Gestalt tauschen stets ihre Rollen.

Die mit Sepia veredelten menschlichen Gesichter drücken raffiniert das einzigartig Individuelle aus.

Und die von niemandem wahrgenommen Bruchstücke, sozusagen der Müll der sichtbaren Welt, der seine schamhafte Existenz im Schatten schöner und sinnvoller Gegenstände fristet, enthüllt die unvermutete Fülle eines Daseins an Peripherien der Wirklichkeit.

Denn, Marian Stefanowski führt auf der Bildfläche seine eigenen Variationen zu der Wirklichkeit vor,

einer Wirklichkeit, die präpariert und umgestaltet wird. Und dennoch: Variationsmöglichkeiten sind hier nur scheinbar unbegrenzt; jene kreierte Welt hat ihren Ursprung in einem schwarz weißen Rechteck aus der lichtempfindlichen Folie, auf der ein konkretes Objekt festgehalten ist. Gerade dieser Filmausschnitt bildet den natürlichen Rahmen jeglicher Umwandlung; "natürlich" in dem Sinne, wie die Leinwand den Maler beschränkt, bevor er den ersten Farbfleck darauf setzt. Nicht zufällig tue ich hier einen Vergleich mit der Malerei, und auch nicht zufällig bezeichne ich die Arbeiten Marian Stefanowski als Bilder und als Fotografien.

Denn jedes fotografisch festgehaltenes Thema betrachtet er wie ein Maler, indem er großes Gewicht auf die Bildkomposition, Farbenpalette, Auswahl des Papiers (mit deutlichem, grober Faktur, die zuweilen Lawinen ähnelt) legt, oder indem er, besonders in seinen neuesten Arbeiten, die Struktur des Bildes mit deutlichem Pinselstrich hervorhebt.

So bekommen die Landschaften eine impressionistische Note. An anderen Bildern aber erinnern Schärfe und Tiefe der Details an Stiche der alten Meister. Und schließlich die Kompositionen mit Gegenständen, die, dem alltäglichen Kontext entfremdet, gar schwer wieder zu erkennen sind, jene Kompositionen also nähern sich der abstrakten Malerei.

Das jedoch, was diesen Bildern ihren einzigartigen Charakter verleiht, ist ihre zweifache Verwicklung in die Wirklichkeit, woraus sich eine Spannung ergibt: Durch die fotografische Treue der Wiedergabe sind sie der Realität ganz nahe, durch Variationen und Umwandlungen wiederum entfernen sie sich von ihr. Und es scheint, als ob Marian Stefanowski beharrlich zur Kehrseite der Wirklichkeit griffe und das Dunkle an ihr, das im Alltäglichen Unsichtbare hervorholte.

Dies tut er mit unglaublicher Subtilität, Intuition und sicherem Bewusstsein seines eigenen Weges.

 

Berlin, Februar 1993                                                                                                                                                                      Ewa Czerwiakowska